Chris on the Bike
Beim Gedanken ans Fahrrad fahren fällt einem spontan ein frühsommerlicher Familienausflug ins
Grüne ein. Höhepunkt des Ausflugs ist die ausgiebige Pause in einer schönen Gaststätte. Es gibt
jedoch auch die Möglichkeit mit dem Fahrrad ausgiebige Reiserouten hinter sich zu bringen.
Mehrwöchige anspruchsvolle Routen wie Umrundungen von Meeren oder Durchquerungen von
verschiedenen Ländern. Wie sich eine solche Reiseleidenschaft mit dem Fahrrad entwickelt, verrät
uns Christoph Gocke. Einer seiner Wahlsprüche lautet sinngemäß: "Das ist wie bei jedem Berg, du
schaffst ihn schnell oder gar nicht".
7 Fragen an Christoph Gocke von www.Chris-on-the-Bike.de:
Warum hat Dich das Reisefieber gepackt bzw. gab es ein Schlüsselerlebnis
dazu?
Mein erstes Fahrrad bekam ich zu Weihnachten geschenkt. Man schrieb das Jahr
1969 und ich war sechs Jahre alt. Leider fiel auch in jenem Jahr Weihnachten
in den Winter und an erste Testfahrten mit dem ersehnten neuen roten 24er
Fahrrad war nicht zu denken. Noch schlimmer: Es verschwand in Omas Keller.
Für Mooonate. Das erste Foto von mir auf dem Fahrrad stammt erst aus dem
Jahr 1971... Ein Defizit ist geblieben. Das ich auch nach 100.000 km im
Fahrrad-Sattel versuche aufzuholen...
Wann und wohin führte Dich Deine erste große Reise?
Mit 18 bin ich einfach mal in den Herbstferien von Essen Richtung Luxemburg
gefahren. Mangels Geld landete ich in der ersten Nacht zunächst im
Penner-Asyl von Jüchen. Erbettelte mir dann aber Einlass in ein Jugendheim,
wo ich irgendwie auf dem Boden übernachtet habe. Schlafsack hatte ich
natürlich genauso wenig dabei wie Werkzeug oder Ahnung von Fahrrad-Technik.
In den folgenden Tagen glich ich meine Tagesziele dann behutsam mit dem
Jugendherbergs-Verzeichnis ab. Und kam tatsächlich nach Luxemburg, bevor die
Schule wieder anfing.
Was war Deine bisher schönste bzw. aufregendste Reise?
Die nächste ist immer die schönste, aufregendste, schwerste. Schön ist, wenn
man zum Nordkap mit so viel Rückenwind fährt, dass man noch bis zu den
Lofoten weiterfahren kann. Schön ist, wenn man wider Erwarten bis Zagreb
gekommen ist und gerade noch genug Geld für die Rückfahrtkarte hat.
Unvergesslich ist, wenn man seinen ersten Kuss nach einer langen Etappe
bekommt. Auch ganz schön aufregend. Schön ist, wenn man von den Alpen, dem
Pamir-Gebirge, dem Balkan 'ne Stunde lang ohne Haarnadelkurven bergab fahren
kann. Schön ist auch, wenn man merkt, dass man sich auch für das
Bergauffahren begeistern kann.
Wohin ging Deine bisher längste Reise, und wie lange warst Du unterwegs?
Meine Reisen werden immer länger, weil meine Touren meist Fortsetzungen
meiner bisherigen Fahrten sind. Für die Umrundung des Mittelmeers hab ich
auf diese Weise 19 Jahre gebraucht, auf der Seidenstraße bin ich seit 1983
unterwegs und Richtung Kapstadt im Grunde seit 1981.
Die längste Tour am Stück war sechs Wochen: Umrundung der Nordsee von Brest
über Großbritannien, Skandinavien nach Mainz. 4455 km. Die erste große Tour
mit meiner Freundin Mirjam. Ihre Bedingung: nicht mehr als 100 km am Tag.
Der Tagesdurchschnitt lag dann allerdings, inkl. Ruhetage, bei 111 km. Die
letzte Etappe nach Mainz war 202 km lang, weil Miri mal 200 km am Tag fahren
wollte...
Was war Dein positivstes Reise-Erlebnis und wo hast Du es erlebt?
Das Positivste am Touren-Radln erlebt man fast jeden Tag oder genauer jede
Nacht. Du kommst abends an und bist restlos erschöpft, willst dich
eigentlich nie mehr aufs Fahrrad setzen und fällst einfach nur noch ins
Bett. Am nächsten Morgen stehst du auf, spürst nichts mehr und stürzt dich
mit aller Kraft auf die nächste Etappe. Je länger ich fahre, desto mehr
feiere ich jede kleine Etappe. Richtig high hat mich die Umrundung des
Mittelmeers in Jerba gemacht - aber erst ein paar Tage später. Und die
längste Etappe, 292 km in Russland von Pskov nach St. Petersburg, versetzte
mich im Sommer 2007 in einen tagelangen Glücksrausch. Ultra-Radeln vom
Feinsten.
Was war Dein negativstes Reise-Erlebnis und wo hast Du es erlebt?
Im Kaukasus kam ich nicht über die russisch-georgische Grenze. Obwohl ich
mich vorher bei den Botschaften informiert hatte. Der Grenzübergang war nur
für GUS-Bürger offen. So fehlen mir bis heute die letzten 150 km bis Tiflis
an der Schwarzmeer-Umrundung. Ich musste vor allem zurück in die
nord-ossetische Hauptstadt Wladikawkas, wo ich zwei Tage zuvor überfallen
und ausgeraubt worden war. Das war aber nicht auf dem Fahrrad, sondern gegen
Mitternacht bei der Rückkehr in das einzige für Ausländer offene Hotel.
Warst Du unterwegs schon einmal ernsthaft in Gefahr (Wenn ja, was war
passiert)?
Vor ein paar Wochen war ich im Kosovo, dort ist reichlich Verkehr, und die
Fahrer fahren auch grundlos so knapp an einem vorbei, wie es in den meisten
Ländern inzwischen aus der Mode gekommen ist. In der algerischen Sahara
wunderte ich mich lange über die Warnschilder vor Sand auf der Fahrbahn. Bis
ein LKW mich überholte als ich auf Sand fuhr und Fahrtwind mich beinah über
den Sand unter den LKW rutschen ließ. Die größte Gefahr sind bisher nicht
die Autos, nicht LKW und Busse, nicht Schlangen und Skorpione, nicht Diebe
und Wegelagerer: die größte Gefahr bin ich mir selbst. Wenn ich erschöpft
bin, wenn die Konzentration nachlässt, ist die Gefahr am größten, im
Straßengraben zu landen.

